Kolja Lessing - artist in residence 2009 in der Villa Esche

Kolja Lessing (Violine und Klavier) musiziert im Jahr 2009 als artist in residence der Villa Esche und der Sächsischen Mozart-Gesellschaft e.V. in Chemnitz. Er ist einer der vielseitigsten Musiker unserer Zeit und hat als Geiger und Pianist durch seine Verbindung von interpretatorischer und wissenschaftlicher Arbeit dem Musikleben prägende Impulse verliehen. Grundgedanke seiner von Geschmack und tiefem Sachverstand geprägten Programmauswahl ist die Absicht, die Architektur der Villa Esche und ihre Verbindung mit der Geschichte der Stadt Chemnitz musikalisch aus ihrem zeitlichen Umfeld heraus zu verstehen.
Sechs Kammerkonzerte mit sorgsam und wissend ausgewählten Programmen und künstlerischen Partnern sowie ein Meisterkurs prägen die Präsenz von Kolja Lessing im diesjährigen Konzertangebot der Villa Esche.

Kolja Lessings weltweite Konzert- und Aufnahmetätigkeit sowohl als Geiger als auch als Pianist beinhaltet sowohl die Zusammenarbeit mit führenden Orchestern unter Dirigenten wie Yakov Kreizberg, Nello Santi und Lothar Zagrosek als auch verschiedenste kammermusikalische Projekte. In Anerkennung seines Engagements für verfemte Komponisten erhielt er 1999 den Johann-Wenzel-Stamitz-Sonderpreis, 2008 wurde er mit dem Deutschen Kritikerpreis für Musik ausgezeichnet.
Durch seinen Einsatz wurden z.B. Georg Philipp Telemanns Violinfantasien und Johann Paul Westhoffs Violinsuiten ebenso für den Konzertsaal wiederentdeckt wie auch viele bedeutende Klavierwerke von Komponisten des 20. Jahrhunderts, u. a. von Berthold Goldschmidt, Philipp Jarnach, Ignace Strasfogel und Wladimir Vogel. International ausgezeichnete CD-Produktionen, die u. a. bei DECCA, CAPRICCIO und EDITION ABSEITS erschienen, dokumentieren seine stilistisch differenzierte Auseinandersetzung mit Repertoire des Barocks bis hin zur Moderne, das Standardwerke wie Raritäten gleichermaßen umfasst.

Zahlreiche Uraufführungen von Violinwerken, die Komponisten wie Haim Alexander, Abel Ehrlich, Jacqueline Fontyn, Berthold Goldschmidt und Anton Kuerti eigens für Kolja Lessing schrieben, spiegeln sein internationales Renommee ebenso wie regelmäßige Einladungen zu Meisterkursen in Europa und Nordamerika. Nach Professuren für Violine und Kammermusik an den Musikhochschulen Würzburg und Leipzig wirkt er seit dem Jahr 2000 in gleicher Funktion an der Musikhochschule Stuttgart.

Einige Anmerkungen zu meiner musikalischen „Residenz” in der Villa Esche

Es war im September 1989, als ich auf Einladung von GMD Worm erstmals nach Chemnitz kam, um mit der wunderbaren Robert-Schumann-Philharmonie zu konzertieren. Immer wieder führten mich dann in den nachfolgenden Jahren die unterschiedlichsten Programme in diese Stadt, deren damals z. T. noch verborgene Kulturgeschichte mich sofort faszinierte. Nicht nur die Tatsache, dass mein verehrter Freund und Mentor Berthold Goldschmidt seinen ersten großen nationalen Erfolg beim Tonkünstlerfest Chemnitz 1926 errungen hatte und wir gemeinsam sein Comeback im Opernhaus Chemnitz 1994 mit einem Portrait-Konzert gestalten konnten, band mich aufs engste an Chemnitz - gleichermaßen vehement ließ mich mein Enthusiasmus für das Universalgenie Henry van de Velde bereits Anfang der 1990er Jahre nach seinen Spuren in Chemnitz suchen. 1995 entstanden Fotodokumentationen der noch im Dornröschenschlaf dämmernden Villa Esche und Villa Körner.
Keine kühnste Vision hätte mich damals das Privileg eines „Artist in Residence” der Villa Esche träumen lassen - ein Privileg, das mich in diesem Jahr 2009 mit besonderer Freude und Dankbarkeit erfüllt. Ich empfinde es als einmalige Chance, in der Villa Esche, jenem wiedererstandenen Gesamtkunstwerk von zeitloser Schönheit und Originalität, 5 Kammermusikabende gestalten zu können, die ganz dem Geist van de Veldes und der neueren Musikgeschichte der Stadt Chemnitz verpflichtet sind.
Ausgehend von der Lektüre der grandiosen Lebenserinnerungen van de Veldes konzipierte ich zwei Programme im historischen Dialog zwischen van de Velde und Ysaÿe bzw. van de Velde und Busoni (18.9.) - in letzterem erklingt auch Musik von Busonis genialem Meisterschüler Wladimir Vogel, dem wir einen eindrücklichen Bericht über die Reise Busonis mit seinen Studenten zum Bauhausfest Weimar 1923 verdanken.
Aspekte der Raumwirkung und -inszenierung prägen das in zwei einander kontrastierenden Teilen angelegte Duo-Programm mit meinem exzellenten Stuttgarter Gitarristen-Kollegen Johannes Monno am 9. Mai.
Für das Abschlusskonzert meiner „Residenz” in der Villa Esche am 6. November konnte ich den phänomenalen kanadischen Pianisten Anton Kuerti gewinnen, der bereits vor Jahrzehnten in Chemnitz konzertierte und den ich nun mit seiner tänzerisch beschwingten, humorvollen Sonate für Violine solo auch als geistreichen Komponisten vorstellen werde.


KL 18.04.2009
Fotoimpressionen der Villa Esche von Kolja Lessing aus dem Jahr 1995
Erstmals weilte der diesjährige artist in residence 2009 im Jahr 1989 in Chemnitz. Bei einem späteren Aufenthalt 1995 suchte der architekturinteressierte Künstler die damals von Leerstand und zunehmendem Verfall gezeichnete Villa Esche auf. Kolja Lessing stellte uns freundlicherweise einige der damals entstandenen Fotos zur Verfügung.
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